Montag, 12. Januar 2015

Bernhard Tschofen, Sabine Dettling: Spuren - Skikultur am Arlberg

Bernhard Tschofen, Sabine Dettling: Spuren - Skikultur am Arlberg




Es gibt sie noch, die schönen Bücher, die „Ausnahmebücher“, Bücher, die man gerne in die Hand nimmt, immer wieder. Die einem was zu erzählen haben, die interessant sind, die auch einfach schön gestaltet sind und mit schönem Papier auch einen angenehmen haptischen Eindruck erwecken.


 Stadtarchiv Bregenz: Zwischen Arlberg und Bodensee. (o. J.) 
[Werbebroschüre]. Dornbirn. Bildbeschreibung: 
Staubende Abfahrt im Zürser Pulver
 
Dieses Buch gehört dazu. Dabei ist es schon ziemlich speziell: Es erzählt von der Geschichte des Skifahrens am Arlberg. Aber, man merkt es sofort, es ist mit Liebe erforscht, wird mit Liebe erzählt und wohl nur durch eine unheimlich zähe Forschungs- und Sucharbeit so schön bebildert geworden.




Sammlung Franz Karl und Thomas Eggler, Bludenz.  
Bildbeschreibung: Skijöring um 1900
 
Warum die Bretter an den Füßen?
Was bringt moderne Menschen dazu, sich Bretter an die Füße zu schnallen und in Kälte und Schnee lange Wege in alpinem Gelände auf sich zu nehmen? „Spuren“ erzählt von diesem „Wunder in Weiß“: In ihrer Verbindung von Ruhe, Einfachheit und Einsamkeit einerseits und Wettlauf, Kampfeinsatz und Technisierung andererseits hinterließ die Skibegeisterung tiefe Spuren in den Bergen. Keine andere Region der europäischen (?) Alpen ist selbst so geprägt von dieser einmaligen Allianz von Sport, Tourismus und Lebensstil wie der Arlberg – ein Name, der sich inzwischen weltweit zum Synonym für den alpinen Skilauf entwickelt hat. Neue Forschungen und unveröffentlichte Bilder und Materialien machen die historische Faszination der Skikultur am Arlberg lebendig.



Sammlung Walter Walch, Zug b. Lech am Arlberg 
(Nachlass Johann Walch). 
Bildbeschreibung: Skiführerausbildung 1955



Altes Skifahrerland: der Arlberg
Ski und Arlberg – im Gedächtnis der Öffentlichkeit gelten diese beiden Wörter weltweit geradezu als Synonyme. Sie sind kaum ohne einander zu nennen: Denn der Skilauf, wie wir ihn heute kennen, ist nicht zu denken ohne die Prägung, die er am Arlberg erfuhr. Jene Region, die sich erst mit dem Skilauf als Arlberg zu verstehen (und zu verkaufen) lernte, ist durch Skilauf und Skitourismus in einer Art und Weise modelliert, die weit über sporthistorische oder ökonomische Aspekte hinausreicht.



Sammlung Walter Walch, Zug b. Lech am Arlberg (Nachlass Johann Walch)

Bildbeschreibung: Der Winterfrischler der zwanziger Jahre ist sicher, die „Schönheiten des Skilaufs“ genau zu kennen. Er ist ein „Winternarr“ und genießt, dass er auf den zwei Brettern „so ganz für sich steht. .... Nur ich selbst und die Berge – kein dritter“. Die „Übungswiese vor dem Hotel“ meidet er. Vielmehr freut er sich, wenn er „das Gewimmel der ‚Ers‘ und ‚Sies‘ ... an der Abendtafel“ wieder sieht. Auf seinen Touren trägt er einen Norweger-Anzug.

He was a “Winternarr” and enjoyed how when he stood upon his two planks, he “[stood] only for himself…just himself and the mountains – no one and nothing else.” He avoided “the practice field in front of the hotel.” He was much happier to simply see “the swarm of ‘Sirs’ and ‘Madams’...at the evening meal.” When on tour, he clothed himself in the Norwegian garb.


Die Verbindung von Ski und Arlberg betrifft, um nur einen ersten Katalog von Stichworten aufzuschlagen, das Lebensgefühl der ersten Skibergsteiger wie betuchter Après-Ski-Gäste; „der Arlberg“ lässt an die großen Skifilme und legendäre Skischulen denken und brachte spannungsreiche Ambivalenzen zwischen Tempo, Gemütlichkeit und bisweilen nationaler Verengung hervor. Damit sind alltagskulturelle, räumliche und symbolische Dimensionen angesprochen, welche die Lebensweise vor Ort bestimmten.

Sammlung von Lecher Gästen (Name nicht bekannt)

Bildbeschreibung: Oberlecher Skitouristinnen, 1954.

Ski tourists in Oberlech, 1954.
 
Ski und Arlberg haben einen realen und imaginären Raum entstehen lassen, der weit über die konkrete Region hinausreicht und Einfluss auf Lebens- und Tourismusstile genommen hat, die heute überall, wo Menschen auf zwei Brettern unterwegs sind, Geltung besitzen.



Gemeindearchiv Lech. Bildbeschreibung:Skispuren am 
Madloch, 1957. Ski tracks on the Madloch, 1957.



Skikultur am Arlberg
„Spuren“ handelt von dieser Liaison, ihren Bedingungen und Konsequenzen. Es folgt den Spuren der Skikultur zu ihren Anfängen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert und zeichnet zudem die Spuren nach, die Skilauf und Wintersport in der Alltagswelt und im Gedächtnis der Arlbergregion und darüber hinaus hinterlassen haben. Dafür verfolgt es einen naheliegenden, aber bis dato eher ungewöhnlichen Weg. In seinem Zentrum steht mit der „Skikultur“ der Versuch, all jene Dimensionen zu berücksichtigen, die durch die „Faszination Ski“ berührt wurden und wiederum selbst das Gesamtphänomen ausmachen.



Paulcke, W. (1908). Der Skilauf (4. neubearb. u. erw. Aufl.). 
Freiburg: Wagner. S. 171. Bildbeschreibung:Skilaufen ist 
keine Kuriosität mehr, aber das Wenden verlangt einiges 
an Geschicklichkeit. 
Skiing was no longer a curiosity. Turning necessitated 
a certainskill and grace.
 
Denn das Phänomen Ski lässt sich nicht auf das Befahren winterlicher Berge beschränken, es umschließt vielmehr Dinge und Körper, Wissen und Praxis, Denk- und Redeweisen. Es hat im Zuge seiner Etablierung komplexe Institutionen und Regelwerke ausbilden lassen und ist zum Gegenstand der Selbstverständigung von Gruppen und Regionen geworden: zu einer öffentlichen Angelegenheit.



Gemeindearchiv Lech, Sammlung Herbert Sauerwein

Bildbeschreibung: Teekochen anno 1912: Die Brüder Albert (links) 
und Sepp Bildsteinmit Anna Honstetter, 
Sepp Bildsteins Gattin in spe, auf der Valluga.

Brewing tea in the year 1912: The Albert brothers (left) 
and Sepp Bildsteinwith his soon-to-be wife, Anna Honstetter, on the Valluga.

 
Den Bedingungen und Möglichkeiten der Moderne entsprechend, hat diese von Beginn an nicht nur jene involviert, die daran unmittelbar teilhatten.



Sammlung Hans Thöni, Ludesch. Bildbeschreibung:
Vor dem Hotel Lorünser, Zürs.

In front of the Hotel Lorünser in Zürs.
 

Wesentlich ist dabei die gegenseitige Durchdringung von Sport und Tourismus als zwei häufig zu Unrecht gesondert gedachten Facetten des „Wunders in Weiß“. Sport und Tourismus sind nicht die einzigen Spuren, die im Feld der Skikultur zusammenlaufen, aber sie sind zwei wichtige Linien, die nicht voneinander zu trennen sind. Darin liegt eine Spezifik des alpinen Skilaufs; sie unterscheidet ihn von seinen vormodernen Vorläufern ebenso wie von der sich gleichzeitig ausdifferenzierenden nordischen Tradition, die sich länger den Zweck der alltagsnahen Fortbewegung im Gelände bewahrt hat. Mit seiner Ankunft in den Alpen aber gelangten Ski und Skitechnik erstmals in eine dezidiert freizeitorientierte Nutzung und mittelbar auch in den Horizont der Bergbegeisterung des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts.



Stadtarchiv Bregenz: Zwischen Arlberg und 
Bodensee. (o. J.) [Werbebroschüre]. Dornbirn

„Skikultur“ zielt auf mehr als nur auf technische und strukturelle Dynamiken. Der Begriff ermöglicht, beispielsweise auch Körpertechniken als Ausdruck des Kulturellen zu verstehen und die damit verbundenen Erfahrungen und Bedeutungen freizulegen. Denn Skilauf und Wintertourismus eröffneten der Gesellschaft des Industriezeitalters ein immens sinnliches Feld, in dem sich zwischen dem Versprechen „stiebenden Pulverschnees“ und der „zünftigen Hüttengaudi“ mit allen Sinnen die ersehnten Erfahrungen körperlicher und gesellschaftlicher Unmittelbarkeit suchen ließen.

Arlberg – ein „Wunder in Weiß“?
Spricht man heute in Tourismus und Wintersport vom Arlberg, so bezieht sich der Begriff sowohl auf einen geografischen als auch auf einen imaginären Raum. Allein die Wanderung und Ausdehnung des historischen Ortsnamens vom eigentlichen Pass und seinem engsten Umfeld auf die gesamte Region kann als eine Folge des „weißen Wunders“ verstanden werden. Was aber macht das Besondere dieser Verbindung aus?



Gemeindearchiv Lech, Sammlung Herbert Sauerwein.  
Bildbeschreibung: Ein VW Käfer auf einer durch Lawinenabgang
 blockierten Straße.

A VW Beetle on an avalanche-blocked road.


Arlberger Skikultur hat sich nicht nur den Arlberg als Bühne auserkoren, sondern das Gesicht der Region auch nachhaltig verändert. Die enge Beziehung, in die Ski und Region bereits früh eingetreten sind, hat mehr als in anderen Skidestinationen den Alltag infiltriert und einen eigenen Lebensstil hervorgebracht. Das hat die Skikultur nicht nur zu einem Seismographen der gesellschaftlichen Entwicklung gemacht, in dem sich Veränderungen in den Wertorientierungen, Möglichkeiten und Beschränkungen kulturellen Handelns abbilden, sondern sie zugleich als wirkmächtigen Motor der Transformation der regionalen Gesellschaft installiert. Anders gesagt:



Sammlung Edith und Heidi Zimmermann, Bregenz. 
Bildbeschreibung: Die Zimmermann-Schwestern auf
 dem Weg zur Trittalm, 1955.

The Zimmermann sisters on their way to the Trittalm, 1955.
 
Ski und Tourismus wiesen dem Gebiet den Weg in eine eigene „Moderne“
An Ski und Tourismus verhandelte die Region auch ihre Selbstwahrnehmung, und an ihnen maß sie auch stets ihre Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft.Die Prägung des Arlbergs durch die Skikultur hat in der Region über die Jahre auch ein besonderes Bewusstsein entstehen lassen. Skilauf und Wintertourismus werden hier schon lange als Quellen einer regionalen Identität begriffen, als kulturelles Erbe, das auch als wichtige Ressource für künftige Entwicklungen gilt. Der Arlberg kann nicht nur als das historische Labor der modernen Skikultur verstanden werden, er bringt auch das Interesse mit, danach zu fragen, was dieses Erbe heute bedeutet.

Spuren: Studien – Texte – Bilder
Dieses Buch ist aus einem mehrjährigen Forschungs-, Dokumentations- und Vermittlungsprojekt mit dem Arbeitstitel „Auf den Spuren eines Wunders in Weiß“ hervorgegangen, das – getragen vom Verein ski.kultur.arlberg, unterstützt vom Land Vorarlberg und 2008 bis 2011 gefördert aus Mitteln der Gemeinschaftsinitiative der Europäischen Union LEADER – sich die „Erforschung der Geschichte von Skisport und Skitourismus am Arlberg“ zum Ziel gesetzt hatte.

„Spuren“ – der Abschlussband des Projekts – erzählt die Geschichte der Skikultur am Arlberg auf mehreren Ebenen. Die kulturhistorische Rekon­struktion im Text korrespondiert mit Quellen aus der zeitgenössischen Literatur und mit umfangreichem Bildmaterial, das bislang großteils unpubliziert geblieben ist. Das Buch kann und will daher auf unterschiedliche Art gelesen werden. Es fungiert zugleich als populärwissenschaftliche Gesamtdarstellung, wie auch als historische Anthologie oder als atmosphärisch wahrzunehmender Text-Bildband zur Lektüre entlang der historischen Texte und Fotografien sowie der reproduzierten Originaldokumente einladen will.

Der Aufbau des Bandes folgt einer lockeren chronologischen Anordnung auf der einen und thematischen Schwerpunktsetzungen auf der anderen Seite. So vertiefen die fünf Kapitel jeweils exemplarisch die für ausgewählte Zeiträume wesentlichen Entwicklungen, ohne jedoch auf die Darstellung anderer Inhalte ganz zu verzichten. Auch dies soll den Anspruch unterstreichen, ein nach mehreren Richtungen lesbares Buch zu veröffentlichen.

Zu den Autoren:
Sabine Dettling, geb. 1970, Dr. phil., Sport- und Tourismuswissenschaftlerin, freie Journalistin und Autorin. Die gelernte Industriekauffrau studierte in Stuttgart Sport­wissenschaft mit Schwerpunkt Management im Freizeit- und Gesund­heitssport und wurde interdisziplinär in Sport- und Tourismus­wissenschaft, Soziologie und Geschichte promoviert. 2005 gründete sie mit Gustav Schoder das Büro für Sport- und Tourismusentwicklung. Heute arbeitet die passionierte Outdoor-Sportlerin als freie Wissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Fotografin und ist tätig in der kommunalen Bildungsadministration. Sabine Dettling war wissenschaftliche Leiterin des Projekts
„Auf den Spuren eines Wunders in Weiss“ von ski.kultur.arlberg (2008-2011).

Gustav Schoder, geb. 1939, Universitätsprofessor i. R., war bis 2005 Leiter des Arbeitsbereichs „Bewegung, Bildung und Lebensgestaltung“ am Institut für Sport­wissen­schaft der Universität Stuttgart. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Sportpädagogik und Bewegungswissenschaft, in der Sportent­wicklungs­planung und in der sportwissenschaftlichen Tourismusforschung. Langjährige Beschäftigung mit Skilauf und Schneesport, u. a. als Initiator und langjähriger Herausgeber der ASH-Publikationsreihe „Skilauf und Snowboard in Lehre und Forschung“ und als Funktionär im nationalen und internationalen Skilehrwesen Interski Deutschland & IVSS (Internationaler Verband Schneesport an Schulen und Hochschulen), in Sportverbänden und -vereinen sowie in der Kommunalpolitik.
Gustav Schoder war Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Vereins ski.kultur.arlberg (Projekt „Auf den Spuren eines Wunders in Weiss“,
2008-2011).

Bernhard Tschofen, geb. 1966, ist Professor für Populäre Kulturen an der Universität Zürich. Nach Studium der Empirischen Kulturwissenschaft/Volkskunde und Kunstgeschichte in Innsbruck und Tübingen war er zunächst im Museums- und Ausstellungswesen tätig, dann am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Von 2004 bis 2013 hatte er eine Professur für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen inne. Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören die Berührungsflächen von Alltags- und Wissenskulturen (in Tourismus, Kulturerbe und Museum) sowie raumkulturelle Fragen in Geschichte und Gegenwart.
Bernhard Tschofen war Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Vereins ski.kultur.arlberg (Projekt „Auf den Spuren eines Wunders in Weiss“, 2008-2011).

English summery:
Tracks -The Arlberg and the Culture of Skiing
What is it that inspires modern man to strap skis to his feet and venture out on long treks into the cold and snow? Tracks tells the story of this “miracle in white.” The fascination with skiing, which conversely combines tranquility, simplicity, and solitude with competition, combat, and mechanization, left deep tracks in the snowy mountains of the Arlberg. Indeed, no other alpine region has been as influenced by this unparalleled alliance of athletics, tourism, and lifestyle as the Arlberg—a name that has reached global recognition and is synonymous with the very act of alpine skiing. In this work, new research and unpublished images and materials bring the fascinating history of Arlberg ski culture to life.

Bernhard Tschofen, Sabine Dettling: Spuren - Skikultur am Arlberg. Im Auftrag von ski.kultur.arlberg. Herausgegeben von G. Schoder und B. Tschofen. Ca. 360 Seiten, ca. 700 Abbildungen. Hardcover, 28x21 cm. deutsch/englisch. Bertolini Verlag, Bregenz. ISBN 978-3-9502706-6-2. 34,00 €
Vorab-Leseprobe unter:
 


Hier finden Sie …
Artikel über Reisen und was schön daran ist, Artikel über die Welt der Alpen, Artikel über Baden-Württemberg, Besprechungen von Reise- und Wanderliteratur, Artikel über Stuttgart, Artikel und vor allem schwarzweiß-Fotos von und über Stuttgart für Minimalisten unter den Freunden der Fotografie; außerdem wird auf den englischsprachigen Blog für Leben und Erleben in Stuttgart und der weiten Welt hingewiesen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen